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August 2001 – der Ueberfall

18. August 2001 – der Ueberfall

Yvonne schreit mich an: "Da ist einer im Fahrzeug!" Ich brauche ein paar Sekunden, um richtig wach zu werden und zu realisieren, wo wir ueberhaupt sind. Ach ja, im Wohnmobil, in Katherine, auf dem Campingplatz Knotts Crossing. Zum Glueck liegen meine Brille, ohne die ich leider hilflos bin, das Pfefferspray und die Taschenlampe griffbereit neben dem Kopfkissen im Alkoven. Seit dem Erwachen sind nicht mehr als vielleicht 15 Sekunden verstrichen, und ich springe, nur mit Pijama-Hose bekleidet, in einer Hand das Pfefferspray, in der anderen die Taschenlampe, aus dem Wohnmobil und schreie umher wie ein Wilder. Es ist Samstag Morgen, der 18. August 2001, 01.15 Uhr. Yvonne ruft mir entsetzt nach, dass beide Bauchtaschen mit unseren Wertsachen weg sind. Zuerst renne ich instinktiv etwa 200 Meter in oestlicher Richtung, kann aber niemand mehr sehen. Noch lauter schreiend und unglaublich wuetend spurte ich in die andere Richtung zum Eingang des Campingplatzes. Trotz meines wilden Geschreis kommt mir keine Menschenseele zur Hilfe, nicht einmal ein Licht aus einem der angrenzenden Wohnwagen und Wohnmobilen ist zu erkennen. Ich bin soeben am Eingang angekommen, als ploetzlich ein weisses Allradfahrzeug auftaucht und aus dem Campingplatz hinausfahren will. Nun schreie ich wie ein Idiot, und in meinen Pijama-Hosen und "bewaffnet" mit Pfefferspray und Taschenlampe muss ich wie ein aus der Irrenanstalt entflohenes Opfer der Gesellschaft aussehen. Ich leuchte mit der Taschenlampe den Fahrer des Fahrzeuges an, und versuche ihn zu stoppen. Der Nissan Patrol faehrt nicht sehr schnell, weshalb ich mich vor seine Kuehlerhaube stelle und wild gestikuliere und dabei "stop, stop, stop" schreie. Doch der Fahrer haelt nicht an, ignoriert mich, und im letzten Moment springe ich zur Seite, um vom Fahrzeug nicht angefahren zu werden. Ich ueberlege noch kurz, ob ich die massive Taschenlampe in die Windschutzscheibe knallen soll, doch lasse ich dies bleiben. Auch wenn es kein Zufall sein wird, dass genau jetzt ein Fahrzeug aus dem Campingplatz faehrt, und auch nicht anhaelt, als er mich sieht, so bin ich mir zu 99 % sicher, dass dieser Nissan an unserem Ueberfall beteiligt ist. Auch weiss ich nicht, ob der Fahrer bewaffnet ist, und, wenn ja, wie er reagieren wuerde. Ich konzentriere mich schlussendlich auf das Nummernschild, was aber zur Folge hat, dass ich nicht sagen kann, wieviele Leute im Nissan sind.

Ich renne zu Waltzing Matilda und Yvonne zueruck, welche bereits mit dem mobilen Telefon zitternd dasteht, und gemeinsam fluchend suchen wir die Telefonzelle auf und rufen die Polizei an. Wir muessen mit dem Handy sparsam umgehen, weil die Batterie beinahe leer ist. Typisch – in solch einem Moment! Die Notfallnummer in Australien, drei Mal die Null, ist zum Glueck eine Gratisnummer, denn wir haben ueberaupt kein Bargeld mehr. Also rufen wir gleich anschliessend mit dem Handy auch unseren Schwager Christian Senn an, berichten ganz kurz, was passiert ist, und bitten ihn, in einer halben Stunde zurueckzurufen. Keine zehn Minuten spaeter erscheint die Polizei. Constable Anderson und ihr Kollege folgen uns zur Waltzing Matilda. Wir berichten ihnen den Ueberfall und versuchen aufzulisten, was gestohlen wurde. Erst jetzt faellt uns auf, dass im Fuehrerhaus das Handschuhfach offen ist. Wir schliessen die Fahrzeugtuere auf und muessen feststellen, dass der Computer weg ist. Normalerweise ist dieser im Innern von Waltzing Matilda, doch weil ich hier taeglich an meinem neuen Buch schreibe, lege ich den Laptop jeden Abend mit saemtlichen Strassenkarten und sonstigen Unterlagen auf den Beifahrersitz des Fuehrerhauses. Auch wenn ich sonst immer die Arbeit auf einer Diskette sichere, die letzten beiden Tage natuerlich nicht! Die Polizei entdeckt Spuren beim Schloss der Beifahrertuer, welches aber nicht beschaedigt ist. Auch die Eingangstuere der Kabine zeigt keine Beschaedigung, lediglich an der Moskitotuere finden sich Spuren.

Zum Glueck hat Yvonne eine Kreditkarte sowie die Bankkarte der Westpac, also der Zugang zu unserem Konto in Australien, an einem anderen Ort aufbewahrt. Zusammen mit der Polizei faehrt sie zum naechstgelegenen Bargeldautomaten und bezieht die Tageslimite von AUD 1'000.00. Somit koennen die Bastarde mit meiner Bankkarte, sollten sie irgendwie den PIN kennen, nichts anfangen. Selbstverstaendlich sind die Codes saemtlicher Bank- und Kreditkarten nur im Gehirn gespeichert, doch weiss man nie, ob man nicht beim letzten Bezug beobachtet wurde. Anschliessend verabschiedet sich die die Polizei, welche nun jede Stunde durch den Campingplatz patroulliert, und verspricht, uns auf dem Laufenden zu halten.

Unterdessen haben wir auch das Handy am Strom eingesteckt und Christian ruft aus Basel an. Wir beauftragen ihn, saemtliche gestohlenen Kreditkarten von VISA, Mastercard und American Express sperren zu lassen. Meine Bankkarte der Westpac lassen wir gleich danach in deren Kartenzentrale fuer ungueltig erklaeren.

Yvonne und ich versuchen, uns vom Schock zu erholen. Gestohlen sind beide Bauchtaschen mit den Paessen, den Fuehrerscheinen, dem Fahrzeugausweis, dem Carnet de Passage, den Kreditkarten, beiden Portemonnaies und etwa AUD 400.00 Bargeld, dem Schluesselbund fuer’s Wohnmobil und kleineren Gegenstaenden wie Sackmesser, Pfeffersprays, Fernbedienungen fuer die Alarmanlage, eine Ersatzbrille – und dann natuerlich auch der Computer. Erst etwa einen Monat spaeter sollten wir ueberdies feststellen, dass auch der Weltempfaenger, welcher sich zwischen der Stereoanlage und einem Lautsprecher befand, ebenfalls zur Beute der Gauner gehoerte. Gluecklicherweise befinden sich Kopien aller gestohlenen Dokumente und Kreditkarten an einem sicheren, schwer zugaenglichen Ort im Fahrzeuginnern, zusammen mit einer weiteren Kreditkarte und etwas Bargeld.

Es ist uns ein Raetsel, dass wir nichts gehoert haben. Die Fenster im Alkoven waren offen, und ein Ventilator lief. Aber so laut, dass wir vom Knacken der drei Tueren absolut nichts hoeren sollten, ist der Ventilator nun auch nicht. In der Hoffnung, irgend etwas zu finden, patroulliere ich die ganze Nacht durch den Campingplatz und durchsuche saemtliche Abfallbehaelter. Am fruehen Morgen berichten wir den Ueberfall der Leitung des Campingplatzes und bitten die Angestellten wie Gaertner oder Kehrrichtleute, nach den gestohlenen Gegenstaenden Ausschau zu halten. Es ist ja moeglich, dass die Bastarde lediglich das Bargeld an sich nahmen und die restlichen Dokumente irgendwo hinwarfen. Yvonne versucht ein paar Stunden zu schlafen.

Wir sind beim Bau von Waltzing Matilda davon ausgegangen, dass wir das Wohnmobil mit Alarmanlage und sonstigen Vorkehrungen wie Batterieschloss sichern muessen, dass aber keiner einbrechen kann, so lange wir uns im Fahrzeug befinden, ohne dass wir es bemerken. Und nun ist es doch passiert.

Fest steht, dass mindestens zwei oder drei Personen am Ueberfall beteiligt waren. Der Bastard im Fahrzeug, ein Aboriginal, welchen wir von hinten gesehen haben, durchsuchte wahrscheinlich das Fahrzeug, und ein Zweiter nahm die Beute entgegen. Ein Dritter, vermuten wir, brachte die gestohlenen Gegenstaende laufend zum Fahrzeug, dem weissen Nissan Patrol mit Kennzeichen aus dem Bundesstaat Victoria, fast 4'000 Kilometer von Katherine entfernt! Deshalb konnte der Schwarze auch sofort, ohne durch die Beute behindert zu werden, nach unserem Erwachen das Weite suchen und fluechten.

Am Vormittag berichtet uns eine Dame, dass sie bemerkt hat, dass um die besagte Zeit eine Gestalt ueber den Zaun gesprungen sei. Dies war genau dort, wo ich zuerst hingerannt bin – purer Zufall. Doch der Aboriginal konnte sich leicht hinter einem Busch oder Baum verstecken, nicht nur die Nacht war schwarz! Der Fahrer des Nissan ist hoechstwahrscheinlich um den Campingplatz herumgefahren und hat seinen Helfer aufgenommen.

Irgendwer wollte uns scheinbar nicht ueber die Katherine Gorge fliegen lassen, beim ersten Mal durch den Schlaganfall von Yvonne’s Vater und nun durch den Ueberfall, weshalb wir dies als Wink des Schicksals betrachten und ein paar Tage spaeter unverrichteter Dinge Katherine Richtung Queensland verlassen.

Vor der Abfahrt, es ist Dienstag, der 21. August 2001, lassen wir uns von der Polizei in Katherine ueber Neuigkeiten informieren. Dabei erfahren wir, dass auch ein Wohnwagen, nur vielleicht 50 Meter von unserem Stellplatz entfernt, vollstaendig ausgeraubt wurde. Dies passierte in der gleichen oder einer Nacht vorher und wurde erst jetzt festgestellt, weil die Besitzer eine Woche in Darwin waren. Der Nissan Patrol ist bei Timber Creek gefunden worden, er war als gestohlen gemeldet. Doch dann berichtet Constable Anderson auch davon, dass bei Top Springs, etwa 300 Kilometer von Katherine entfernt, unter anderem auch zwei Schweizer Paesse entdeckt wurden...